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3. Kasseler Fotofrühling 2007

28. und 29. April 2007
Ort: Kunsthochschule Kassel, Menzelstraße 13/15, 34121 Kassel

Gibt es Vollkommenheit in der Fotografie? Diese ironisch zugespitzte Frage stand im Mittelpunkt des 3. Kasseler Fotofrühlings, der wieder in Zusammenarbeit und in den Räumen der Kunsthochschule Kassel stattfand. Das Thema der von etwa 350 Gästen besuchten Veranstaltung wurde ausgiebig und aus den Blickwinkeln von Galeristen, Sammlern, Fotografen, Verlegern und Redakteuren diskutiert.

Lothar Albrecht im Hörsaal der Kunsthochschule Kassel

Vorträge

Für den Galeristen Lothar Albrecht aus Frankfurt/M. (LA Galerie) gehört zur Vollkommenheit eines Fotos oder einer Fotoserie eine gewisse Unabhängigkeit von modischen Trends und Zeitströmungen. Wahre Qualität müsse die Zeiten überdauern. Für ihn sind Bilder wichtig, die auch einer längeren Betrachtung standhalten und die eine Geschichte erzählen. Die Ernsthaftigkeit des Fotografen muss erkennbar sein, seine Bilder sollten auch ohne große Worte für sich sprechen können und in passenden Formaten und Techniken vorliegen.

Michael Reisch bei seinem Vortrag

Für den Fotokünstler Michael Reisch passt das Diasec-Verfahren mit der vor der Fotopapierschicht liegenden Plexiglasscheibe und den menschlichen Maßen von etwa 1,80 bis 2 m Kantenlänge ideal zu den von ihm intendierten Inhalten. Wie hinter der Scheibe eines Aquariums breitet sich eine künstliche Natur vor dem Auge des Betrachters aus. Reisch verarbeitet bedrückende Erinnerungen an sein Aufwachsen in entseelten 70er-Jahre-Vorstädten. Subtile, in ihrer Aussage kritische Landschaftskompositionen entstehen aus irgendwo gefundenen und fotografierten realen und aus der Phantasie hinzugefügten Elementen. Durch das Zusammenfügen von Landschaftsbestandteilen im Computer vermag Reisch die irritierende und unheimliche Atmosphäre zu erzeugen, die ihm vorschwebte. Menschen sind in seinen Landschaften nicht zu sehen, aber das vom Menschen Gemachte schon. Reisch vergleicht seine eigene Arbeit mit der eines Landschaftsgärtners, der die Natur in bestimmte Formen zwingt, um damit zu einer bestimmten Wirkung zu kommen. Dieser Fotokünstler überlässt nichts dem Zufall, um möglichst vollkommene Bilder zu erzielen.

Dass nicht alles planbar ist, um mit einem perfekten Foto zurück in die Redaktion zu kommen, erfuhr das Publikum von der langjährigen FAZ-Fotografin Barbara Klemm. Sie berichtete unterhaltsam und anhand vieler Bildbeispiele über ihre bildjounalistische Arbeit.

Barbara Klemm, F. C. Gundlach

Es zeigte sich, dass man beharrlich und zum richtigen Moment an der richtigen Stelle sein, möglichst nah an das Geschehen herankommen und nicht zuletzt die richtige Technik verwenden muss – Barbara Klemms Bilder entstanden grundsätzlich ohne Blitz. Ganz wichtig war für die Bildjournalistin auch die Arbeit in der eigenen Dunkelkammer, in der sie ihre Negative zu vollkommenen Abzügen ausarbeitete. Natürlich gibt es immer situative Unwägbarkeiten, die nur mit schneller Auffassungsgabe, Erfahrung und einer Portion Glück zu bewältigen sind. So schilderte Barbara Klemm eindrucksvoll das Anpirschen, das einer Ostberliner Tribüne für Politprominenz galt. Schließlich wurde das lange Warten in der Kälte mit dem herrlichen Bild einer Reihe von Ostblock-Präsidenten – alle mit Hut! – belohnt.

Hans-Michael Koetzle

Hans-Michael Koetzle vertrat die Meinung, dass man nie genug gesehen haben kann, um die Qualität von Fotografie einschätzen zu können. Er zeigte anhand von Reportagen und Artikeln aus dem von ihm betreuten Magazin „Leica World“, was für ihn vollkommene Fotografie sein kann. Das sind nicht immer dem Lehrbuch der Leica-Fotografen entsprechende Kompositionen; das sind mal abgeschnittene Köpfe, mal unscharfe und verwackelte, grobkörnige und fehlfarbige Aufnahmen. Und doch macht nicht jeder Regelverstoß, nicht jeder Tabubruch ein gutes oder gar vollkommenes Bild. Erfahrung und Maß, am Ende eine Übereinstimmung von Form und Inhalt, lassen die wirklich guten Arbeiten auch über die Jahre nicht verblassen und in Vergessenheit geraten.

Markus Schaden präsentiert Martin Parrs Photobook

Ein ideales Medium, um Fotografie jenseits von Ausstellungen und kurzlebigen Veröffentlichungen frisch und präsent zu halten, ist das Fotobuch. Dieses stand im Mittelpunkt der Ausführungen von Markus Schaden, dem Herausgeber von nicht alltäglichen Fotobüchern. Fotobücher hätten in den letzten Jahren durch die Aufarbeitung ihrer Wirkungsgeschichte eine erhöhte und endlich auch verdiente Wertschätzung in der Gunst des Publikums erfahren. Das Fotobuch sei „demokratisch“, weil es zumindest in der Phase der noch niedrigen Original-Ladenpreise erschwinglich sei. Ein Buch habe wunderbare Möglichkeiten für Gestalter und erlaube dem Betrachter einen ganz individuellen Zugang zu den darin enthaltenen Arbeiten. Ein Buch „bleibt“ – eine Meinung, die auch von F. C. Gundlach geteilt wurde. Ein gutes Fotobuch braucht gute Fotos, ein gutes Konzept und eine gute Gestaltung.

Markus Schaden, F. C. Gundlach und weitere Gäste des Fotobuchfestivals

Schaden hatte einige Beispiele aus eigener Produktion bzw. Distribution nach Kassel mitgebracht, und kaum war sein Vortrag vorbei, bildete sich eine dichte Traube von Interessenten rund um des Verlegers Musterkoffer. Einzige Schattenseite des erwachenden Marktes für Fotobücher sind die rasant steigenden Preise für gesuchte Meisterwerke – die Auflagen mancher vollkommener Bücher reichen nicht für die gewachsene Nachfrage aus.

 

Podiumsdiskussion
Eine mit Prof. F. C. Gundlach, Hans Hansen, Barbara Klemm, Hans-Michael Koetzle, Prof. Bernhard Prinz, Michael Reisch und Markus Schaden prominent besetzte lebhafte Podiumsdiskussion beschloss das Symposium zum Thema „Vollkommene Fotografie“.

Das prominent besetzte Podium, vorne Hans Hansen

Hans Hansen gestand, dass ihm ein vollkommenes Foto nur selten gelinge und dass ein solches vor allem ihm selbst gefallen müsse. Auf die Kriterien für Vollkommenheit bzw. Qualität angesprochen, wies F. C. Gundlach darauf hin, dass sich solche im Laufe der Zeit verändern und dass die historische Distanz bei der Beurteilung von Qualität eine wichtige Rolle spielen muss. Markus Schaden ergänzte, dass Qualitätskriterien je nach Ort und Kultur differieren – und Bernhard Prinz vertrat die Meinung, dass es überhaupt keine festen Qualitätskriterien gäbe. Ein Schwerpunkt der Diskussion drehte sich um die aktuelle Zeitungskultur. Barbara Klemm monierte, dass auch renommierte Zeitungen wie die FAZ heutzutage (qualitativ schlechte) bunte Fotos verwenden. Für Klemm bedeutet das eine zu große Ablenkung von dem Wesentlichen einer Zeitung: dem Text.

 

Portfolioschauen und professionelle Beratung

Andreas Müller-Pohle begutachtet ein Portfolio

Um den Grad der Vollkommenheit der eigenen Werke überprüfen zu lassen, gab das Fotoforum mehr als 40 Fotografinnen und Fotografen die Gelegenheit, in Form von Portfolioschauen mit den anwesenden Fachleuten unter vier Augen über eigene Arbeiten zu sprechen.
Auch wer Fragen hatte zur technischen Qualität von Fotos, die, wie man lernen konnte, zwar nicht allein entscheidend ist für die Vollkommenheit eines fotografischen Werkes, aber doch hilft, das zu erreichen, was man sich vorgenommen hatte, war beim 3. Kasseler Fotofrühling an der richtigen Stelle.

Am Stand von Recom: Wolfgang Seljé, Sven Schönauer

Andreas Weidner, die Herren Seljé und Schönauer von Recom, Oliver Rolf von Platinum und nicht zuletzt Hartmuth Schröder von Rollei/Maco berieten an ihren eigenen Ständen bzw. trugen im Rahmen kurzer Vorträge und praxisnaher Workshops etwas aus ihrem Erfahrungsschatz zum Thema bei. Beruhigend zu hören war, dass Herr Schröder noch für Jahre mit einem Markt für analoge Schwarzweißprodukte rechnet. Die Firmen Omnica und Monochrom (Kassel) sowie Matthias Krause (Bremen) informierten an eigenen Ständen über ihre Produkte und deren Möglichkeiten.

 

Cathleen Schuster und Marcel Dickhage, Motiv aus der Serie „Innen – Außen“


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ausstellung

Die diesjährige Ausstellung wurde von Prof. Bernhard Prinz kuratiert und zusammen mit seinen Studenten realisiert. Zu sehen gab es unter dem Titel „Domestic Scape“ Arbeiten von Meisterschülern aus Essen, Kassel und Leipzig. Beteiligt hatten sich Oliver Helbig, Nils Klinger, Cathleen Schuster und Marcel Dickhage, Frederick Vidal und Joachim Weischer. Schuster und Dickhage (Leipzig) verdankte der 3. Kasseler Fotofrühling auch das Plakat- und Flyermotiv, ein Bild aus ihrer Serie „Innen – Außen“.

 

Fotobücher ... sollten beim nächsten Kasseler Fotofrühling im Mittelpunkt stehen

 

Thomas Wiegand (mit Unterstützung von Bettina von Andrian)
Fotos: Dieter Schwerdtle