Volker Schrank

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Volker Schrank inszenierte die Gewinner der Fußball- Weltmeisterschaft von 1974 für eine Serie von Portraitfotos. Für diese Aufgabe hat sich der Fotograf an der reichen Tradition der Star- und Fußballsammelbilder geschult. Raum greifend im Brustbild, ehrfurchtsvoll aus leichter Froschperspektive gesehen, in großzügig geschneiderte Trikots und Trainingsjacken im Retro-Look gepackt, richten die Helden von 1974 ihre Blicke auf ferne Ziele. Beim Vermarktungsgenie Franz Beckenbauer ist man ja nichts anderes gewöhnt, aber ehemals unscheinbarere Kicker wie Horst-Dieter Höttges gewinnen in Schranks Inszenierungen eine magische Präsenz. Die Recken sind zwar alt geworden, der Bauch rund, die Frisuren unmodern oder großväterlich, das Haar grau oder schütter, die Haut von Falten durchfurcht. Doch ihre Würde haben alle behalten. Das Fanvolk darf mit Ehrfurcht zu den Fußballgöttern aufschauen, die ihren Olymp zu einer Zeit erklommen, als Fußball nicht nur Event, sondern auch richtige Arbeit war. Unabhängig von der Prominenz der Dargestellten und ihrer Rolle als Weltmeister zeigt Volker Schrank wahrhaftige Portraits von Sportlern, die inzwischen an der Schwelle zum Rentenalter stehen. Die Männer haben ihr Leben gelebt. Ihre Auftritte vor der Kamera zeigen, dass sie in aller Ruhe und Gelassenheit Rückschau halten können und dass ihnen auch nicht Bange wird vor dem, was da noch kommt.

 

Thomas Wiegand

 

Über den Fotografen…

 

Sebastian Isacu

o.T., Bayreuth, 2006 - o.T., Rasnov, 2004

In der Fremde, an einem Ort wie einer Bushaltestelle und im Zustand des Wartens auf den Bus nach Hause scheint ein Mensch plötzlich bei sich, in dieser Distanz zwischen den Orten, welche auch die zwischen uns ist, und ich fange an mich zu fragen, was das ist und wie es so weit kommen konnte. Und mir scheint, ein Stück gem einsam erlebter Geschichte versöhnt persönliche Vorstellungen und Wünsche unterschiedlicher Menschen. Sie kommen sich näher. Sehnsucht schlüpft in ein Paar neuer Schuhe. Und doch geht jeder damit seinen eigenen Weg, bastelt für sich an seiner eigenen Geschichte und versucht, zu einem guten Ergebnis zu kommen. „Noroc“ bedeutet „Glück“ auf Rumänisch. „Noroc“ ist das, was mir viele dieser Personen nach unserer Begegnung mit auf den Weg gaben. Glück ist das, was ich dabei empfand.

 

Sebastian Isacu

 

geboren 1978 in Cisnadie / Rumänien seit 1984 in Deutschland

 

seit 2001 Studium der Visuellen Kommunikation an der Kunsthochschule Kassel

 

seit 2003 in der Klasse für Fotografie bei Bernhard Prinz lebt und arbeitet in Kassel

 

Olaf Unverzart

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Bücher, vor allem Fotobücher, scheinen in den letzten Jahren eine kleine Inflation ausgelöst zu haben. Auf 120 Seiten Hundehütten aus dem deutschsprachigen Raum, Monographien von offenstehenden Garagen, Bauruinen und vieles mehr mit seiner verbrauchten Form von Ironie. Déjàvu. „Sans m oi“ von Olaf Unverzart ist hier eine Ausnahme und ein erfreuliches Fotobuch. Die besondere Form und Gestaltung, bei der sich jede Seite auf die nächste bezieht, entdram atisiert die Wertung der ganzen „Unfälle“. Die Motive spielen überwiegend im alpinen Raum. Dennoch scheint es völlig unbedeutend zu sein, ob der LKW mit Achsenbruch in Florenz oder am Susten steht. Die Ruppigkeit und das Ungezügelte des Alltäglichen, das sich auf den Passstraßen und der Landschaft niederlegt, hinterlässt den Eindruck, als befände man sich auf einer Wanderung durch Kriegsgebiet. Schönes und Unschönes in einer untrennbaren Verbindung.

 

MW/BR

 

Das Buch ist erhältlich bei:
www.haeusler-contemporary.com
www.unverzart.de
www.galeriekleindienst.de

 

Karl-Ludwig Lange

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Der 1949 in Minden geborene Fotograf Karl-Ludwig Lange begann Anfang der siebziger Jahre in West-Berlin zu fotografieren. Er arbeitet in Serien, oft über Jahre. Bevorzugte Motive sind Kulturlandschaften, städtische Topographie und Architektur, unverkennbar Menschenwerk. Langes Arbeiten verweigern sich modischem Styling und einer gestalterischen Attitüde. Sie sind kleinformatig, scharf, detailreich, schwarzweiß mit einem opulenten Spektrum an Tonwerten, eben typisch fotografisch in einem traditionellen, aber noch lange nicht überholten Sinn. Weil sich der Fotograf sehr intensiv mit seinen Motiven auseinandersetzt, können seine Serien nicht in Wochen oder Monaten fertig sein, sondern erst nach Jahren oder Jahrzehnten intensiven Forschens, Schauens, Fotografierens und Auswählens. Man kann versuchen, Langes scheinbar sachlichen und objektiven Darstellungen als Illustrationen zu architektonischen und topographischen Themen zu vereinnahmen. Doch bieten seine Arbeiten immer viel mehr, nämlich den sichtbaren Ausdruck seines Konzeptes fotografischer Durchdringung von Urbanität. Nur oberflächlich geht es um Berlin; im Zentrum steht für den Fotografen die Frage, was eine Stadt ausmacht, wie sie lebt, wie sie stirbt, wie sie an anderer Stelle weiterlebt. Lange läßt keinen Zweifel daran, daß seine Erkundungen subjektiv motiviert und weder auf Objektivität noch auf Vollständigkeit angelegt sind. Er meidet starre typologische Reihen und braucht nicht deren Beschränkungen hinsichtlich Standpunkt, Beleuchtung und Gleichartigkeit der Motive. Der Fotograf sieht in der Berliner Stadtlandschaft auch keine düsteren oder betongrauen Spiegelbilder innerer Konflikte zwischen Depression und Wut. Lange visualisiert seine Themen mit lakonischer, wohlkalkulierter Distanz. Für ihn ist eine fotografische Präzision ungem ein wichtig, die seine Arbeit mit der der großen Architekturfotografen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts verbindet. Und für dieses Konzept ist der Begriff Stadtfotografie genau passend. Unsere kleine Präsentation bringt einige Beispiele aus den siebziger und achtziger Jahren.

 

Thomas Wiegand

 

Die Homepage von Karl-Ludwig Lange finden Sie hier.

Valeska Achenbach und Isabela Pacini

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Im 19. Jahrhundert wanderten ihre Vorfahren nach Brasilien aus. Die Nachkommen heute tanzen deshalb noch lange nicht Samba und feiern Karneval in Rio. Nein, sie tragen Lederhosen und Dirndl, fahren VW und tanzen Walzer und Polka. Sie haben ein Deutschtum konserviert, dass selbst das der Sudetendeutschen in den Schatten stellt. Der deutschen Diaspora in Süd-Brasilien ist das aber weniger politisches Kalkül als gelebte Überzeugung. Man bleibt der Heimat verbunden, hat aber nicht wahrgenommen, dass sich diese Heimat seit dem 19. Jahrhundert weiterentwickelt hat. Selbst die Landschaft scheint sich ihren Bewohnern angepasst zu haben und erinnert mit ihren sanften Hügeln eher an das Voralpenland als an Brasilien. Die beiden Hamburger Fotografinnen Valeska Achenbach und Isabela Pacini haben sich diesem deutschen Biotop in Südamerika, das wie ein gelebtes Museum wirkt, auf sehr dezente Weise genähert. Es geht ihnen nicht um Kritik an einer – im Grunde absurden – Lebensweise, die offenbar die Integration in eine andere Kultur ablehnt. Diese Deutschen sind fernab von Deutschland „Deutscher als die Deutschen“ (so der Titel der Arbeit), indem sie vor allem das von Generationen zu Generation vererbte Bild des Deutschseins leben. Das kann man von der anderen Serie „Erholungszone Deutschland“ nicht sagen. Die Deutschen, wie sie hier gezeigt werden, sind wie sie sind. Auch hier geht es um deutsche Identität, um das Spezifische einer Kultur, eines Volkes. Dokumentieren Achenbach/Pacini mit „Deutscher als die Deutschen“ ein ganz spezielles Lebensbiotop, so spannt „Erholungszone Deutschland“ einen deutlich breiteren Rahmen. Diese Serie ist eine ethnografische Spurensuche mit dem Freizeitverhalten als Indikator. Die aus zwei einander ergänzenden oder kontrastierenden Bildern bestehenden Tableaus, sind entlarvend und schonungslos, aber nie so zynisch wie jene von Martin Parr, weil nie mit so forciert greller Künstlichkeit aufgenommen. Achenbach und Pacini wollen weder Schocks provozieren, noch sich über andere lustig machen. Sie nehmen die Rolle von neutralen Beobachterinnen ein. Dass das Gesehene bisweilen auch komisch ist, liegt weniger an ihnen, als am jeweiligen Gegenüber.

 

Andreas Gebhardt

 

www.achenbach-pacini.de

 

Deutscher als die Deutschen

 

Erholungszone Deutschland

Laurenz Berges

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Klaustrophobie m uss unangenehm sein. Auch wenn m an nicht darunter leidet, verm itteln die Fotoarbeiten von Laurenz Berges etwas davon. Der in Essen und an der Düsseldorfer Akademie ausgebildete Fotokünstler (Jg. 1966) beschätigte sich über Jahre mit leer gezogenen Bauten, erst m it Kasernen, die die abrückenden sowjetischen Soldaten in O stdeutschland hinterließen, dann mit Dörfern, die für den rheinischen Braunkohlentagebau geräumt werden m ussten. Die Spuren der früheren Bewohner sind allenthalben in den Arbeiten von Berges sichtbar. Die Ausschnitte der Innenaufnahm en sind eng und begrenzt. Der Blick wird auf Schmutzränder, funktionslose Steckdosen, verlassenes, zerschlissenes Mobiliar und düstere Zim m erecken konzentriert. Selten weitet sich die Perspektive zu einem Blick aus einem Fenster oder gar eine Außenaufnahme, aber auch draußen herrscht Trostlosigkeit. Wie konnte m an es an diesen von Berges bloß gestellten O rten aushalten, ohne zum Psychopathen zu werden? Während das warm e Licht, das bei wenigen Kaserneninterieurs spürbar ist, die O ption auf eine ehem als anheimelnde Atmosphäre offen läßt, kann davon bei den Dörfern im Braunkohlenrevier nicht mehr die Rede sein. Berges’ minimalistische und lakonische Stillleben öffnen Räume menschlicher Existenz, die sich weit über das rein Sichtbare hinaus erstrecken.

 

Thomas Wiegand

 

alle Bilder courtesy:

 

Galerie Wilm a Tolksdorf Berlin/Frankfurt
Galerie Schm ela Duesseldorf

Daniela Wagner

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Die Berliner Fotografin Daniela Wagner fotografiert das Glück.
Das Glück ist in diesem Fall ein ganz alltäglicher Vorgang – Kinder in Bewegung.

 

Die wenigen und kurzen Momenten des – bei sich seins – und das Erkunden der Körperwahrnehm ung ist der Gegenstand der hier gezeigten Serien. Mit den schnörkellosen Fotografien findet D. Wagner den Moment und die Mittel für ein Bildsprache, die mit unterschwelligen Störmanövern Oberflächliches zu Seite schiebt. Ein wunderbarer Spagat von inszenierter Dokumentation.

 

Besondere Aufmerksamkeit gilt den Grenzen des Raum es die Fotografin erprobt sie in den 3 Serien auf unterschiedliche Weise,wie z.B. in – anna nel fiume – (für diese Serie erhielt Daniela Wagner den renommierten Aenne-Biermann-Preis 2001) wählt sie eine fast filmhafte Sequenz, in der sich Kamera und schwimmendes Kind aufeinander zu bewegen, um beim vorletztem Bild halb den Bildraum zu verlassen.