Kategorie: Focus

Ein Schub für den Markt mit Fotobüchern?

Die Photokina in Köln 2006 geriet zu einem kleinen Martin-Parr-Festival. Nicht nur, dass er von der Deutschen Gesellschaft für Photographie den Dr. Erich Salomon-Preis für sein Werk als Fotograf zuerkannt bekam, nein, dort (und nur dort in einem einzigen, mit Parr befreundeten spezialisierten Buchladen) gab es vorab und vor der normalen Weltpremiere den zweiten Band des auf der Basis von Parrs Sammlung von Gerry Badger verfassten Band „The Photobook – A history“ (Phaidon London/New York) zu kaufen.

Die definitive Geschichte des Fotobuches ist trotz einer Fülle von einschlägiger Literatur immer noch nicht geschrieben. Mit Fotobüchern gemeint ist hier weder Anleitungsliteratur noch fotohistorische Forschung, auch nicht schöne bunte Bildbände oder Künstlerbücher in Kleinauflagen; Ausstellungskataloge fallen nur dann in diese Kategorie, wenn sie einen monographischen Charakter tragen. Als Werke in höheren Auflagen erlauben Fotobücher im Sinne der Definition auch Interessenten mit kleinen Geldbeuteln einen Blick auf die Arbeiten der Fotografinnen und Fotografen. So weit, so selbstverständlich.

Durch die Sekundärliteratur wird die Basis für eine intensivere Beschäftigung mit gedruckter Fotografie bereitet. Nachdem erste zusammenfassende Darstellungen mit wichtigen Fotobüchern („Absage an das Einzelbild“, Essen 1981; Andrew Roth, „The Book of 101 Books“, New York 2001; Andrew Roth, „The Open Book“, Göteborg 2004) nur auf ein Spezialistenpublikum stießen und, weil vergriffen oder im Ausland erschienen, nicht so leicht zugänglich sind, änderte sich das Ende 2004 mit dem Erscheinen des ersten Parr/Badger-Bandes deutlich. Es waren nicht mehr kunsthistorische Fragestellungen nach in Buchform veröffentlichten Reihen und Serien vordringlich wie 1981. Parr/Badger erweiterten die straffe Auswahl von Roth (2001) und sind ausführlicher als die spartanische, fast textlose chronologische Liste des Open Book. In Parr/Badger 1 ging es nach einem fotohistorischen Auftakt mit fotoillustrierten Büchern aus dem 19. Jahrhundert nach inhaltlichen Aspekten weiter: Piktorialismus, modernes Sehen, Propaganda, entscheidende Augenblicke oder ähnlich lauten die Überschriften. Im zweiten Band wird dann die sich schon am Ende des ersten Teils ankündigende Gliederung nach Ländern oder Regionen fortgeführt. Es werden Firmenschriften vorgestellt, die im Wesentlichen mit Fotos illustriert wurden und das Spektrum der Bücher reicht jetzt bis in die Gegenwart. Bei etwa 450 Bücher im Parr/Bagder Kanon dürfte für jeden etwas dabei sein.

Umso länger das Erscheinungsdatum zurückliegt, desto unstrittiger sollte die Bedeutung eines Buches sein. Dass bei der Auswahl Fehler unterliefen, ist bei der umfassenden Materie kaum zu vermeiden. So fehlt bei Parr/Badger Heinrich Hausers „Schwarzes Revier“ (1930; immerhin im Open Book erwähnt). Statt Arvid Gutschows „See, Sand, Sonne“ (1930), einem der in Bildgestaltung und konsequentem Layout modernsten Bücher der Zeit, wurde Alfred Ehrhardts nicht minder eindrucksvolles, aber eben späteres und konventionelleres „Watt“ (1937) vorgestellt. Die Folge: Der schon immer sträflich unterbewertete Gutschow wird in den Antiquariaten weiterhin eine Randexistenz führen, während der Ehrhardt (in dem von den Sammlern verlangten sehr guten Zustand wohlgemerkt!) zu einer Preziose avanciert ist.

Selbstverständlich wird man nicht allem und jedem gerecht werden können; Lücken werden bleiben. Es wird vorkommen, dass die Sicht auf einen Fotografen, eine Fotografin (wenn überhaupt im Kanon vertreten) und deren vermeintliches Hauptwerk verengt wird, während nicht minder interessante andere Arbeiten mit Nichtbeachtung gestraft werden. Die Auswahl wird, umso jünger die Bücher sind, immer subjektiver und damit auch angreifbarer werden. Das liegt in der Natur der Sache und lässt sich nicht vermeiden. Parr und Co sind ja auch nur Sammler, die nicht alles kennen können, die Moden unterworfen sind und die sich auch geirrt haben könnten…

Badger nannte 2004 schon mindestens einen Titel, der im zweiten Band enthalten sein sollte (Harry Callahan, Water’s Edge) und ein stolzer Fotograf und dessen Verleger warben sogar vorab mit der kommenden Erwähnung in Parr/Badger 2 (Jens Liebchen, DL07). Der Verlag brachte vorab mindestens zwei Coverentwürfe in Umlauf, auf dem man weitere Titel erkennen konnte (siehe Abbildungen aus dem www, rechts die letzte Version). Durch die häppchenweise Preisgabe der Liste wurde Neugier, vielleicht auch Gier entfacht. Der Markt will es so, dass mit dem Kanon als Einkaufszettel die Preisspirale derart in Bewegung gesetzt wird, dass nicht allein Interesse, Geschmack und Expertentum, sondern zunehmend Spekulation und Geldbeutel über Anschaffungen entscheiden. Die ersten Anzeichen dazu sind unverkennbar, denn kaum dass man in Köln das zweite „Photobook“ kaufen konnte, tauchten plötzlich auf den Handelsplattformen von Parr/Badger empfohlene Bücher auf, die vorher gar nicht mehr zu bekommen waren. Dieses Phänomen wird sich nach der offiziellen Weltpremiere des Bandes fortsetzen. Die Preistendenz für die kanonisierten Werke zeigt erwartungsgemäß nach oben. Wohl dem, der seit Jahren offenen Auges durch die Buchhandlungen und Antiquariate gegangen ist, sich ein eigenes, von den Großsammlern unabhängiges Urteil erlaubte und der jetzt bei der drohenden (kurzzeitigen?) Überhitzung des popularisierten Marktes gelassen zuschauen kann…

Thomas Wiegand, 2006

 

Eine Art Fortsetzung dieses Artikels an anderer Stelle…