Kategorie: Focus

Fotografie auf der Documenta 12

Plakatmotive von Geneviève Frisson

Wer hätte das gedacht – nach monatelanger Geheimniskrämerei um die Liste der beteiligten Künstler und Künstlerinnen hat sich schnell gezeigt, dass die 12. Documenta zwar keine Fotoausstellung ist, aber der Fotografie doch ein zentraler Platz auf der Weltkunstausstellung eingeräumt wurde. Das beginnt mit zwei Arbeiten von Grete Stern (1946 und 1947 als modern prints) und hört auf mit speziell für Kassel fotografierten oder eingerichteten Werken aus jüngster Zeit.

Ibon Aranberri (Neue Galerie)

Das Hinterfragen der Präsentationsformen von Kunst hat eine tragende Rolle im Konzept der Ausstellungskuratoren Roger M. Buergel und Ruth Noack. Zudem soll Kunst als sinnlich und auch ohne theoretische Vorkenntnisse erlebbar gezeigt werden und bei allem Unterhaltungswert die Welt auch in ihren Schattenseiten spiegeln. Es gibt wirtschaftliche Probleme und Chancen, es gibt Entwurzelung, Improvisation, prekäre Verhältnisse, Gewalt, friedliches Miteinander und so weiter und so fort. Und man soll auf der Documenta lernen, dass es durchaus beim Betrachter oder in der Macht des Künstlers liegt, Querverbindungen herzustellen (erste Wahrnehmungsübung: einige Künstler waren an mehreren Ausstellungsorten vertreten). Eine typische, für Kassel bittere Pointe ist, dass die 1001 Gäste Ai Weiweis aus dem aufstrebenden und aufholenden Industriestaat China ausgerechnet in einer Halle untergebracht waren, die zu einer vor zehn Jahren aufgrund des globalen Konkurrenzdrucks stillgelegten Tuchfabrik gehörte.

Alina Szapocznikow (Neue Galerie)

Schließlich soll die Ausstellung zeigen, dass es Kunst auch ohne Kunstmarkt gibt – die Namen von (hierzulande!) hochgehandelten Stars waren die Ausnahme, solche von (hierzulande!) Unbekannten die Regel. Die Ferne vom Markt war Prinzip. Ein weltweites Netzwerk von einigen Dutzend kundigen Kunstzeitschriften half bei der Auswahl von passenden Positionen; aus dem Sektor der Fotokunst war Camera Austria dabei.

Die Fotografie ist in mehreren Rollen präsent. Zunächst, vor allem im traditionsreichen Fridericianum, als Dokumentationsmittel für Performances. Oft blieben allein Fotos (oder Filme) nebst erläuternden Texten die einzigen Spuren für künstlerische Aktionen, als Beweis für einen mutig realisierten Eingriff in das Getriebe des unter Umständen sanktionierten Alltags (Jiri Kovanda, Sanja Ivekovic und andere).

Es gibt sogar einfach schöne Fotos, nämlich als Werbemittel für die Ausstellung, die Blüten aus dem ehemals kurfürstlichen Gewächshaus am Schloss Wilhelmshöhe zeigen – einen wattig-unscharfen, durchaus impressionistischen Farbenrausch (Geneviève Frisson), aber mit dem Hinweis auf die angeblich defekte Kamera der Fotografin pädagogisch sinnvoll: Auch im Unvollkommenen kann Schönheit stecken. Innerhalb der Ausstellung blieb freilich die reine Schönheit ausgespart. Aber was ist schon schön? Vielleicht die zwanzigteilige Serie, die die Bildhauerin Alina Szapocznikow 1971 fotografierte: Kaugummi in absonderlichen Formen und Verläufen. Erst im perfekt in Schwarzweiß ausgearbeiteten Foto wurden diese amorphen und unbeständigen Miniaturskulpturen zu Werken der Kunst. Louise Lawler reflektiert über Kunst als Ware oder das Ausstellen überhaupt und tut dies in Form von raffiniert fotografierten Ausschnitten aus der Welt der Museen, Galerien und Sammler. Martha Rosler lenkt den Blick durch scheinbar beiläufig (auch in Kassel) entstandene Fotos auf Übersehenes.

Zoe Leonard (Aue-Pavillon)

Zoe Leonard beim Interview vor „Analogue“ (Aue-Pavillon)

Die 346 Einzelbilder umfassende Arbeit „Analogue“ von Zoe Leonard beschäftigt sich mit Konsum – Läden und Waren. Am Ende des Parcours durch den sogenannten Aue-Pavillon sind diese in Tableaus geordneten, kleinformatigen quadratischen und unaufwändig gehängten „C-Prints“ im einzigen Raum mit direktem Tageslicht zu sehen. Spektakulär nach einem stellenweise düsteren, aus konservatorischen Gründen verdunkelten und durch brummende Gebläse gekühlten Treibhaus war der Blick durch eine Klarglasscheibe zurück auf die barocke Orangerie. Dieser Ausblick hatte nicht wirklich etwas mit dem Werk von Zoe Leonard zu tun – oder doch? Eben noch ein fotografischer Diskurs über den Warenkreislauf in der Dritten Welt, dann der Blick auf die Repräsentationsarchitektur eines europäischen Kleinstaatfürsten. Die Documenta verführt zum Nachdenken …

Zoe Leonard (Neue Galerie)

Leonards Arbeit wurde in der Neuen Galerie nochmals (warum eigentlich?) in einem Portfolio aus 40 Dye-Transfer-Abzügen gezeigt, jetzt nicht mehr an den Wänden hängend, sondern gerahmt in einer langen Vitrine liegend, die in einem sehr stark abgedunkelten Raum stand. Aus konservatorischen Gründen wäre es wohl besser gewesen, die Dye-Transfers im Hellen und die normalen Abzüge im Dunklen zu präsentieren, doch man lernt, dass auf der Documenta in „kuratorischer Willkür“ (Zitat Roger Buergel aus der Eröffnungspressekonferenz) auch mal die Regeln anders ausgelegt werden dürfen. Abschließende Pointe: Mitte Juli war die Filial-Arbeit von Zoe Leonard wieder aus der Neuen Galerie verschwunden…

Allan Sekulas Arbeit im Bergpark Wilhelmshöhe

Allan Sekulas Arbeit im Bergpark Wilhelmshöhe

In die Zwickmühle des konservatorisch korrekten Ausstellens von Fotografien hat sich Allan Sekula mit seinem Beitrag „Shipwreck and workers (Version 3 for Kassel)“ erst gar nicht begeben. Weil er wollte, dass seine Arbeit auch ohne Eintrittskarte zu sehen sein sollte und aus der Ortskenntnis heraus einen idealen Platz für ein speziell für Kassel konzipiertes Werk hatte, verzichtete er auf die räumlich Nähe der Ausstellungshäuser in der Innenstadt und stellte entlang der vom Herkules in Richtung Schloss Wilhelmshöhe ausstrahlenden Kaskadentreppe Großfotos von Menschen bei der Arbeit auf. Diese wurden teils in Kassel gemacht, teils irgendwo auf der Welt. Man muss die steile Treppen nach oben gehen, also selbst Kraft und Energie investieren, um die Bilder zu sehen. Die vorletzte Tafel zeigt eine Geburt, die letzte ist dem Beruf des Totengräbers gewidmet.

Allan Sekulas Arbeit im Bergpark Wilhelmshöhe

Allan Sekulas Arbeit im Bergpark Wilhelmshöhe

Blickt man zurück, sieht man die Rückseiten der Plakatwände, die durch ihre rot gestrichenen Verstrebungen wie minimalistische Skulpturen gestaltet wurden und dadurch wunderbar mit den Strukturen der Tuffsteinsäulen der berühmten Kaskadenanlage korrespondieren. Götterarbeit hier, symbolisiert durch den derzeit zur Sanierung eingerüsteten Herkules, Menschenarbeit dort, auf Fotos, aber auch vertreten durch die gesamte Architektur des Bauwerks. Ein auf einem Ponton im Kaskadenteich dümpelndes dreiteiliges Foto eines Schiffswracks tat das Übrige, um aus einer unverbindlichen Reihe von fotografierten Arbeitsmotiven eine kritische und in vielerlei Hinsicht interpretierbare Auseinandersetzung mit der globalen Arbeitswelt und deren Tradition – Herkules als „Hit-Man“ der Götter – zu bieten. Sekulas von konservatorisch einschränkenden Bedingungen völlig unabhängige Arbeit war ein gelungenes Beispiel dafür, wie man kritische Kunst durch eine passende Form und die kluge Wahl eines Präsentationsortes gestalten kann.

Guy Tillim (Aue-Pavillon)

Fotografie mit politischer Konnotation bietet nicht nur Sekula, sondern ist auch mehrfach in der Tradition der Bildreportage zu sehen, aber nicht im Format für Bücher oder Zeitschriften, sondern für das Museum. Guy Tillim zeigt „Congo Democratic“ über die Nationalratswahlen 2006. Es handelt sich um an die Wand gepinnte Pigmentprints, darauf zu sehen sind Menschenmassen auf emotionell aufgepeitschten Kundgebungen. Verschämt abseits gehängt, aber noch zu Tillims Arbeit gehört ein sechsseitiger Wahlzettel mit 885 Namen und winzigen Fotos der Kandidaten.

Guy Tillim (Aue-Pavillon)

 

Der nigerianische Fotograf J. D. Okhai Ojeikere im Aue-Pavillon

Ahlam Shiblis Serie über das Dorf, aus der ihre Familie stammt, ist traditionell passepartouriert und gerahmt. Es handelt sich um eine aus vielen Facetten einschließlich der Reproduktion alter Fotos zusammengesetzte Rekonstruktion dessen, was Heimat in Palästina bedeuten kann. George Osodis „Oil Rich Niger Delta“ zeigt sich als eine fremde, von Gewalt, Umweltzerstörung, aber auch Schönheit geprägte Gegend, deren Probleme trotz (nicht wegen!) der harmonisierenden, langsam fließenden Dauerprojektion auf einem Flachbildschirm zu erahnen waren. Andrea Geyer fotografierte nordamerikanische Landschaften („Spiral Lands, Chapter 1“), die sie in einem Bezug zur indianischen Kultur setzte. Die langen Texte auf den jeweils in Bild- und Textteile geteilten 19 Tafeln mit Abzügen auf „Baryth-Fotopapier“ gibt es auch in deutscher Übersetzung nebst dutzenden Fußnoten als zeitungsdickes Heft zum Mitnehmen. Sinnlich ist das nicht, nur mühsam. Ob man nicht besser informiert wäre, wenn man nicht gleich ein gutes Buch zum Thema zu läse?

© David Goldblatt, The Transported of KwaNdebele, 1983 (Courtesy The Goodman Gallery, Johannesburg)

Als eine Referenz vor dem Werk eines großen politischen und kritischen Künstlers ist schließlich die Aufnahme der 1983 entstandenen Serie „The Transportated of KwaNdebele“ von David Goldblatt in die Ausstellung zu verstehen – südafrikanische Wanderarbeiter mussten stundenlange Transportwege zu ihren Arbeitsstellen hinnehmen. Kleine, unscheinbare Schwarzweißabzüge, die mit ihrer Schemenhaftigkeit und den starken Kontrasten noch immer berühren. Der Rückgriff auf ältere Arbeiten wie die von Goldblatt ist den Kuratoren ein wichtiges Mittel, Kontinuitäten und Parallelen zu zeigen.

Roger Buergel stellte vor der Ausstellung drei Fragen nach der heutigen Bedeutung der Moderne, nach dem Leben überhaupt und zuletzt nach dem, was zu tun sei. Die Welt ist weit, die Probleme sind vielfältig. Soviel war aber auch schon vor der Documenta sicher. Kunst und Fotografie können Anstöße geben, über Buergels Fragen nachzudenken. Die Künstler zeigen dies und jenes, doch wirkliche Problemlösungen kann die Kunst à la Documenta nicht bieten. Immerhin, dies ist doch schon mal ein konkretes Ergebnis.

Text und Fotos von Thomas Wiegand, 2007