Kategorie: 2008 / 4. Kasseler Fotofrühling

Was ist ein Fotobuch?

Es gibt kein Verfahren, mit dem man die Qualität eines Fotobuchs messen kann und es gibt auch keine Norm, die die Produktion eines „richtigen“ Fotobuchs regelt. Aber es haben sich Kriterien herausgebildet, die dabei helfen, ein gutes von einem schlechten Fotobuch zu unterscheiden.

Ein Fotobuch ist ein in sich geschlossenes Werk. Die Form, also Druck- und Papierqualität, Bindung, Umschlag, Anordnung der Seiten, Format, muss dem Inhalt entsprechen. Selbstverständlich sollte der Inhalt – Fotos, Texte – diesen Aufwand rechtfertigen! Fotobücher in diesem Sinne sind Bildbände, Monographien, Kataloge, Künstlerbücher, umfangreiche Reportagen, Kinderbücher, Firmenfestschriften, Sachbücher, Propagandabände, Werbegeschenke. Es geht nicht um: Kunst oder nicht Kunst, sondern allein um ein Werk, bei dem die Fotografie im Mittelpunkt steht. Durch Vergleichen lässt sich die Spreu schnell vom Weizen trennen; nicht jede fotografisch illustrierte Propagandaschrift ist automatisch bemerkenswert, nicht jedes Bauhausbuch ist eine Inkunabel der Avantgarde und nicht jeder Bildband ist ein Fotobuch.

Einige Beispiele sollen veranschaulichen, welche Kriterien bei der Suche nach den wirklich guten Fotobüchern eine Rolle spielen. Die Kriterien sind kaum voneinander abzugrenzen; es gibt selbstverständlich Mischformen und Überschneidungen und genug Beispiele, die in mehreren Kategorien punkten könnten. Robert Franks „Americans“ könnten praktisch in allen Kategorien genannt werden.

Heinrich Hauser, „Schwarzes Revier“, 1929

Speicher. Ein Buch ist ein Gegenstand, der nicht so schnell weggeworfen wird wie eine Zeitung oder so schnell in Vergessenheit gerät wie eine Ausstellung. Bibliotheken und Sammler erhalten die Erinnerung an Bücher, die noch dazu aufgrund ihrer höheren Auflage eine weitere Verbreitung finden als ein Einzelbild.

Historische Bedeutung. Andere Fotografen beziehen sich auf das Buch, lernen daraus. Klassisches Beispiel ist die Kette von Walker Evans, „American Photographs“ (1938), über Robert Frank, „The Americans“ (1958/59) hin zu den New Topographics (mit dem gleichnamigen Katalog von 1975) einerseits und der Street Photography andererseits. Weitere sehr einflussreiche Bücher: die Städteporträts von William Klein (New York, 1956; Rom, 1959; Tokyo, 1964; Moskau, 1964), William Egglestons „Guide“ (1976) oder Ed van der Elskens Bücher „Liebe in Saint Germain des prés“ (1956) und „Sweet life“ (1966).

Bilder als solche. Manchmal ist nicht das Buch als Buch wichtig, einflussreich und gelungen, sondern es sind nur die darin enthaltenen Bilder. Das Buch als solches kann, muss aber nicht innovativ sein. Bestes Beispiel sind die „Urformen der Kunst“ von Karl Blossfeldt (1928). Vielleicht auch in diese Kategorie gehört als eher unbekanntes Beispiel das „Schwarze Revier“ von Heinrich Hauser (1929), eine literarische Reportage mit unglaublich direkten, avantgardistischen Illustrationsfotos in konventioneller Anordnung, was aber atemberaubende Doppelseiten nicht ausschließt.

Arvid Gutschow, „See Sand Sonne“, 1930

Innovativer Charakter (Konzept, Bildsprache, Umsetzung). Etwas wird in diesem Buch zum ersten Mal oder sehr gut oder ganz anders gemacht. Das kann sich auf eine bestimmte Technik beziehen oder auf eine bestimmte Bildgestaltung oder ein originelles Konzept. Beispiel für eine auffällige, in Büchern kongenial präsentierte Technik wären die Panorama-Aufnahmen von Josef Sudek (Praha Panoramaticka, 1959; Smutna Krajina, 1999) oder Josef Koudelka (The Black Triangle, 1994). Beispiele für eine unverwechselbare Bildgestaltung geben Bücher von Bruce Gilden oder Martin Parr. Beispiele für ein interessantes Konzept sind die Fakes von Joan Fontcuberta. Ein intelligentes und innovatives Layout findet sich in „See Sand Sonne“ von Arvid Gutschow (1930) mit dem besten frühen Beispiel für ein Layout mit linker Leerseite.

Herbert Schwöbel, „Funkhausbilder“, 1964

Durch ihre Gestalter genauso berühmt wie durch den Fotografen wurden Richard Avedons Meisterwerke „Observations“ (Alexey Brodovitch, 1959) und „Nothing Personal“ (Marvin Israel, 1964). Von 1964 stammt ein konsequent im Stil der Subjektiven Fotografie experimentell fotografiertes und gestaltetes Buch über den Hessischen Rundfunk: „Funkhausbilder“ von Herbert Schwöbel, ein Werk, das in jeder Beziehung an die Avantgarde in der Fotografie anzuknüpfen scheint. Gestalter war Günther Kieser, Mitglied der innovativen „novum“-Gruppe. Aus aktueller Produktion in diesem Sinne als beispielhaft zu nennen wäre „American Night“ von Paul Graham (2003), ein Werk, das durch den abrupten Wechsel von (beinahe) weiß auf weiß gedruckten und gleißend farbigen Seiten verblüfft. Für die hohe Qualität des Layouts hervorzuheben wären die Bücher von Stephen Gill, Julian Germain oder Cuny Janssen.

Abisag Tüllmann, „Großstadt“, 1963

Dirk Alvermann, „Algerien“, 1960; „Keine Experimente“, 1961

Narrative Struktur. Auch wenn man darin Blättern kann: In einem Buch ist eine bestimmte Abfolge an Bildern vorgegeben. Dies ist anders als in einer Ausstellung, wo man hin und her gehen kann. Ein frühes Beispiel für einen erzählerischen Bildessay sind „Die Halligen“ von Albert Renger-Patzsch (1927), ein Buch, das ohne innovative Bildsprache auskommt, bei dem aber die Abfolge der Bilder eine sehr hohe Bedeutung erhielt. Ein passendes Beispiel wäre auch „The Pond“ von John Gossage (1985). Es gibt sogar Bücher, die wie ein Film gestaltet sind (also mit dem Versuch, filmische Mittel für ein gedrucktes Werk zu adaptieren), so die beiden Frühwerke „Algerien“ (1960) und „Keine Experimente“ (1961) von Dirk Alvermann (zu Alvermann: http://www.fotokritik.de/artikel_40_1.html) oder „Großstadt“ von Abisag Tüllmann (1963).

Helmut Lederer, „Lichtnovellen“, 1969

Druck und Aufmachung. Ein Buch ist nie allein deshalb gut, weil es gut gedruckt oder gestaltet ist, aber für eine bestimmte Gesamtaussage braucht es eine passende Form. Ein samtiger Kupfertiefdruck steht für eine andere Ästhetik als ein Rotationsdruck auf Zeitungspapier. Beides ist für Fotobücher geeignet, ersteres heute ausgestorben, letzteres praktiziert von Geert van Kesteren (Baghdad Calling, 2008). Vereinzelt kommen exotische Verfahren wie der Lichtdruck im Fotobuch vor („Lichtnovellen“ von Helmut Lederer, 1969); in früheren Jahren wurden Fotos einzeln eingeklebt. Es gibt fotokopierte Bücher oder neuerdings Digitaldrucke in Kleinauflagen. Manchmal gibt es Konflikte zwischen hervorragenden Bildern einerseits und andererseits einem grausigen Layout und/oder einer lausigen Druckqualität. Solchen Büchern wäre eine zweite Chance zu gönnen oder man muss sie als Ausdruck ihrer Zeit einfach so akzeptieren, wie sie sind.

Amelie und Andrew Thorndike, „Jeder Tag war schön“, 1966

Bild-Text-Kombination. Bilder und Texte gehen eine unlösbare Verbindung ein. Ein Fotobuch, das vor allem durch seine erläuternden Texte wichtig ist, ist natürlich per se grenzwertig, aber „Zeche Zollern“ (1977) von Bernd und Hilla Becher ist als Beispiel zu nennen für ein kongeniales Miteinander von Bild und begleitendem (wissenschaftlichen) Text als Katalysator der „Industriearchäologie“. Oder es gibt wichtige Vorworte wie der Text von Alfred Döblin zu August Sanders „Antlitz der Zeit“ (1929). Es gibt auch Beispiele, wo Bilder und Text eng ineinander verschränkt sind wie bei „A Loud Song“ von Daniel Seymour (1971) oder „Waffenruhe“ von Michael Schmidt (1987) oder das schöne, von Heinz Bormann im Stil eines Tagebuches layoutete Reisebuch „Jeder Tag war schön“ von Annelie Thorndike mit Fotos ihres Ehemannes Andrew (1966, zu anderen von Bormann gestalteten Büchern: http://www.fotokritik.de/artikel_25_1.html) bzw. wo Texte unverzichtbar dazugehören wie bei manchen Büchern von Joan Fontcuberta oder Danny Lyon.

Bernd und Hilla Becher, „Anonyme Skulpturen“, 1970; Jitka Hanzlova, „Rokytnik“, 1997

Stellenwert im Oeuvre. Es gibt Bücher, die für das Oeuvre eines Fotografen unverzichtbar wichtige Schlüsselwerke sind. Mit diesen Werken fanden die Künstler ihre Sprache, mit diesen wurden sie bekannt. Beispiel: „Anonyme Skulpturen“ von Bernd und Hilla Becher (1970), „Rokytnik“ von Jitka Hanzlova (1997), „Sleeping by the Mississippi“ von Alec Soth (2004). Künftig werden wir vielleicht Bücher wie „Dalliendorf“ von Albrecht Tübke (2000), „Lad“ von Wiebke Loeper (2001), „Longe“ von Göran Gnaudschun (1998) oder „Plan“ von Elisabeth Neudörfl und Bettina Lockemann (1999) zu dieser Gruppe zählen dürfen.

Marktakzeptanz. Gehört selbstverständlich dazu wie sonst für andere Werke der Kunst auch. Was nichts kostet, kann nichts wert sein. Worüber man nicht spricht, auch nicht. Es braucht also Rezensionen, Empfehlungen, Ausstellungen, Marketing. Ein Buch muss publik werden, sonst wird es nie als wichtig erkannt. Fotobücher, die ohne den Anlass einer Ausstellung erscheinen, werden immer seltener, weil es sonst knapp wird mit der Finanzierung.

Sammlerwert. Manchmal wundert man sich, wie Sammler Bücher bewerten. So kommen hier Seltenheit, Auflagenhöhe, Varianten, Vollständigkeit, Zustand und nicht zuletzt persönliche Vorlieben mit ins Spiel. Leinenausgaben mit Schutzumschlägen sind teurer als Paperbacks, Erstauflagen sind teuer als spätere Ausgaben, von den Autoren signierte Bücher kosten mehr als unsignierte. Manchmal ist es auch genau umgekehrt, aber die 2445100 $, die im April 2008 bei Christies anlässlich einer Versteigerung von 172 von 200 angebotenen Fotobüchern erlöst wurden, kamen überwiegend für sehr gut erhaltene und fast immer signierte Ausgaben zusammen, nicht für zerfledderte Ruinen (das teuerste, „Emilie“ von Jindrich Styrsky, 1933, in einer Sonderedition für 193000 $, das billigste, „Land of the Free“ von Archibald Mac Leish, 1938, kam immerhin noch auf 1250 $).

Christies Katalog vom April 2008 mit dem teuersten und dem billigsten Lot

Das dünne Heftchen, das 1975 als Katalog der Ausstellung New Topographics in einer hohen Auflage von 2500 Exemplaren erschien, wird heute bei einwandfreien Exemplaren locker für 1000 $ gehandelt, obwohl es kein Buch, sondern nur ein unscheinbarer Ausstellungskatalog ist. Aber er gab einer ganzen fotografischen Richtung ihren Namen und er ist, zumal in gutem Zustand, nicht zuletzt aufgrund seiner Unscheinbarkeit, ziemlich selten.

Angeblich gibt es weltweit etwa 2.000 „ernsthafte“ Sammler von Fotobüchern wie hier definiert, dann reicht – trotz der sicherlich unterschiedlichen Interessensgebiete der Sammler – eine 500er Auflage von Anfang an nicht aus: die Preise werden steigen. 500 Exemplare können aber auch für einen unbekannten Fotografen – der Autor spricht aus eigener Erfahrung – viel zu viel sein. Manchmal reichen aber auch 15.000 Exemplare nicht aus wie bei „Toto mesto je vespolecne peci obyvate“l (This Town is Under the Control of its Citizens) von Bohumil Hrabal und Miroslav Peterka aus dem Jahre 1967. Der in Prag erschienene Band ist heute beinahe so selten wie eine Nadel im Heuhaufen (und ahnungslose Antiquare sind mit der Preisgestaltung überfordert).

Mischformen zwischen dem Buch als Werk und einem speziellen Sammlerstück sind winzige Auflagen oder limitierte Sonderausgaben, die durch eine spezielle Ausstattung (Schuber, Umschläge, Originalprints als Beilage) begehrenswert gemacht werden. Ob das sinnvoll ist, darüber kann man streiten. Jedenfalls gibt es diese Editionen, es scheint sich also zu lohnen.

Das Buch von Hrabal und Peterka (1967) im Angebot bei Photoeye

Bücher und Fotos gehören zusammen. Kurt Tucholsky schrieb: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Ich wandele das folgendermaßen ab: Ein Fotobuch sagt mehr als tausend Einzelbilder, ein Fotobuch muss also mehr sein als die Summe seiner Bilder. Ansonsten lohnt sich die Beschäftigung mit diesen Büchern nicht – diese Bücher mögen repräsentativ, schön und informativ sein, aber es sind keine Werke. Leider sind die Regale in den Buchhandlungen (und in den Antiquariaten) mit solchen bunten, uninteressanten Bilderbüchern vollgestopft. Vielleicht führt die zunehmende Beachtung des Fotobuchs dazu, dass künftig mehr auf die Qualität von Fotobüchern als eigenständige Werke geachtet wird. Die populäre Literatur zum Thema Fotobücher wie die beiden Bände von Martin Parr und Gerry Badger sind ein erster Schritt in die richtige Richtung. Die ernsthafte Erforschung des weiten Felds des Fotobuchs braucht solche Anstöße und Orientierungshilfen, denn sie steht immer noch ziemlich am Anfang.

Thomas Wiegand
Mai 2008