Kategorie: Focus

Wer die Wahl hat…

Politik ist ein mühsames Geschäft. Die Kassen sind leer, die Ansprüche sind hoch, das Ehrenamt in Ortsbeiräten, Stadtverordnetenversammlungen und Kreistagen lastet schwer. Ausschusssitzungen, Ortstermine, Bürgersprechstunden, Jubiläen, Einweihungen und und und… wie dann noch Wahlkampf machen?

Eine sich derzeit in Kassel-Wilhelmshöhe zur Wahl stellende Gruppierung weist auf ihrem zur Kommunalwahl geklebten Plakat in subtiler Weise auf die Überlastung der Politiker hin: Beim Fototermin konnte einer ihrer Mitstreiter aus unbekannten Gründen nicht teilnehmen. Der Rest der Mannschaft nahm vor einer mit Graffiti verzierten Wand Aufstellung, betont locker, ohne elegante Kleider, Anzüge, Krawatten und ähnlich formellen Habitus. Der verhinderte Herr X, rechts außen, reichte wahrscheinlich ein farbiges Passbild ein, das in der Druckerei dezent und unter Wahrung der Isokephalie in die Farbschlieren der Graffiti montiert wurde in der Hoffnung, dass für den flüchtigen Betrachter die Kombination von Außen- und Innenaufnahme nicht ins Gewicht fallen werde. Herr X schwebt körperlos, aber kopfbetont, bei seinen politischen Freunden und signalisiert auf diese Weise Solidarität und Beistand trotz seiner Abwesenheit.

Das Plakat greift mit der offensichtlichen und gar nicht erst durch die modernen Möglichkeiten der Bildverarbeitung verkomplizierten Montage einen alten künstlerischen Topos auf: verstorbene oder beispielsweise durch Militärdienst oder Kriegseinsatz abwesende Familienmitglieder wurden bei anfallenden Gruppenaufnahmen der Rest-Familie durch ein Bild, gleich ob Gemälde oder Foto, repräsentiert und so in den Schoß der Lieben zurückgeholt. Die Fotografen hatten diesen gestalterischen Kunstgriff von den Porträtmalern gelernt. Die Vergegenwärtigung von Abwesendem durch ein Bild im Bild reicht also kunstgeschichtlich weit, weit zurück.

Unsere Wilhelmshöher Politikergruppe beweist mit ihrem Plakat Offenheit, Traditionsbewusstsein und Ehrlichkeit. Wer wagte angesichts dieses Plakatmotivs noch zu behaupten, Politiker würden es im Wahlkampf mit der Wahrheit nicht so genau nehmen?

 

Text: Thomas Wiegand; Foto: Steffen Härtel-Klopprogge